skip to Main Content
Robertitos Reisen – Begegnungen

Robertitos Reisen – Begegnungen

Kann man auch heute noch „echte Begegnungen“ in fernen Ländern erleben?

Endlich wieder in Guatemala. Nachdem Kneissl-Touristik alle Reiseleiter gebeten hatte, zum Firmenjubiläum Wunschreisen zu formulieren stand es für mich fest: Ich muss wieder einmal hin. Es war nicht ganz einfach, für ein nahezu unbekanntes Land eine Gruppe zusammenzubekommen – es hat geklappt, hurraaa.

Während der Tour durch eines meiner liebsten Reiseländer kamen mir viele Erinnerungen ins Gedächtnis. Ich war Ende der 1990er Jahre häufig in dieser „Bananenrepublik“ unterwegs, kurz nach Unterzeichnung des Abkommens zwischen Regierung und Guerilla. Individualreisende gab es damals schon, für Gruppenreisen waren wir Pioniere. Das waren nicht nur positive Erlebnisse, ich habe auch einen bewaffneten Raubüberfall auf meine Gruppe erlebt – aber das ist eine andere Geschichte und letztendlich gut ausgegangen.

Am Atitlan-See – dem schönsten See der Welt laut Aldous Huxley – sind meine Gedanken abgedriftet zu einer ausgedehnten Tageswanderung, die wir damals unternommen hatten: Zusammen mit einem lokalen Bergführer von San Juan La Laguna am Ufer des Sees hinauf nach Santa Clara am oberen Kraterrand des riesigen Einsturzkessels – und wieder hinunter nach San Pablo, wo uns unser Bootsführer wieder erwartet hat.

Stellt euch vor: Eine Gruppe deutscher Wanderer, groß, hellhäutig, teils mit dicken Bärten und mit Wanderstöcken bewaffnet, das war etwas Außergewöhnliches, besonders in einem so abgelegenen Bergdorf wie Santa Clara. Die ersten Schritte auf der Dorfstraße, alles blitzblank, in den Hütten gestampfter Lehmboden, große Augen der Kinder hinter den Fenstern … dann kommen wir um eine Ecke, kleine Kinder spielen auf der Straße … plötzlich: Chaos, Geschrei, ein Mädchen springt auf, schnappt sich den kleinen Bruder und alles rennt schreiend davon! Was ist denn hier los? Ich schaue auf unseren hiesigen Wanderführer, er lehnt an einer Wand und lacht sich kringelig. Überall öffnen sich die Fenster und die indianischen Mütter blicken fragend und besorgt drein. Unser Guide redet ein paar Worte in uns unverständlichem Cakchiquel und plötzlich brüllt die ganze Straße los vor Lachen.

Dann kam die Erklärung: Die Kinder haben wortwörtlich geschrien: „Mama, Mama, die bringen mich um, die bringen mich um!“. Hier heißt es „Wenn du nicht brav bist, dann kommt der „Böse Weiße Mann“, steckt dich in einen Sack und schleppt dich davon“ – nicht der „Schwarze Mann“, in Guatemala ist das umgekehrt. Nun war alles klar, vermutlich waren die Kinder in letzter Zeit nicht sonderlich brav gewesen …

Das hätte auch schiefgehen können. In einem Land, wo das Militär kurz vorher noch Dörfer ausradiert hatte, die im Verdacht standen, mit der Guerilla zu kooperieren, wo noch heute Banden tatsächlich Kinder rauben um entweder Babys an reiche, kinderlose Gringos zu verkaufen – oder Mädchen in die Prostitution zwingen, wo die Dorfbewohner kein Vertrauen in die Justiz haben und die Dinge selbst in die Hand nehmen, japanische Touristen steinigen, weil sie ungefragt Kinder fotografieren (die jedoch tatsächlich nicht für den „Katalog“ gedacht waren) … Ein Glück, dass unser Wanderführer alles übersetzt hatte.

Und dann, ein paar Jahre später, wieder in Santa Clara: Überall Plastikmüll, die Kinder liefen uns nach mit aufgehaltenen Händen „Foto, Foto!“ Was ist passiert? Das Dorf hat heute Anschluss ans Straßensystem und an die „Zivilisation“ …

Oder ein anderes Erlebnis, Dos Pilas: Eine Mayaruine, damals noch tief im Dschungel verborgen, nur nach stundenlangem Ritt und mühsamer Wanderung auf schlammigen Wegen zu erreichen. Da standen wir, eine europäische Reisegruppe auf der einen Seite – und halbnackte Indianer an der Quelle beim Waschen gegenüber – so wie einst Christoph Columbus als Europäer das erste Mal auf Indianer traf. Einer der bezauberndsten Momente meiner Zeit als Reiseleiter. Ich bin stolz auf meine Reisegruppe damals. Keiner ist auch nur auf den Gedanken gekommen, den Fotoapparat zu zücken. Wir haben uns nur stumm ein paar Momente lang neugierig angestarrt und dann haben wir uns langsam zurück gezogen. Auch Dos Pilas ist heute leicht zu erreichen, eine Fernstraße ist nicht weit, der Dschungel weicht den Palmölplantagen …

Das ist gerade mal 20 Jahre her. Und was hat sich inzwischen alles geändert. Der Tourismus ist zu einer Industrie geworden, bis in die letzten Winkel dringen Reisegruppen aus aller Herren Länder vor. Uros auf dem Titicacasee führen Theaterstücke auf, Himba in Namibia werden den staunenden Touristen in entwürdigender Weise vorgeführt wie im Zoo.

Zurück zur Frage: Kann man solche „echte Begegnungen“ wie vor 20 Jahren in Guatemala auch heute noch erleben? Sicher! Man könnte! Man müsste nur sein Reiseverhalten etwas ändern, weg von den „ausgetretenen Pfaden“ des Tourismus und ab auf die Straße oder gleich in den Busch! Dort gibt es keine Pyramiden und keine „Highlights“, die „100 Orte, die man mal gesehen haben muss“, die berühmten Fotomotive, die alle ablichten wollen und die dann tausendfach im Internet kursieren. Aber man kann ganz sicher noch echte Abenteuer finden, nur eben etwas abseits (so wie den Espresso für 1 Euro in Venedig in einer Seitenstraße).

Ja, man kann – und wenn man sich richtig verhält und richtig hinschaut, dann erlebt man diese zauberhaften Situationen sogar inmitten einer Reisegruppe auf den „ausgetretenen Touristenpfaden“. Ich erinnere mich an einen Tag bei den Uros auf dem Titicacasee … die Erwachsenen führen ihr Theaterstück für die Gruppe auf … und etwas abseits entdecken die Kinder eine unserer Mitreisenden … und sie betasten vollkommen fasziniert und ganz vorsichtig ihr strohblondes Haar …

Man muss sich nur mit offenen Sinnen auf die entsprechenden Situationen einlassen und am Wichtigsten: Respekt für die fremden Völker im Gepäck haben.

Euer Robertito